Was tun bei häuslicher Gewalt?

In Österreich hat jede fünfte Frau (das heißt 20 % der Frauen) seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. 15 % der Frauen haben seit ihrem 15. Lebensjahr Stalking erlebt. Jede dritte Frau (exakt 35 %) hat seit ihrem 15. Lebensjahr eine Form der sexuellen Belästigung erlebt. Psychische Gewalt durch ihren (Ex-)Partner haben 38 % der Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr erlebt. (FRA-Studie. Gewalt gegen Frauen. Eine EU-weite Erhebung. 2014)

Das bedeutet, wenn Sie diesen Sommer wieder (mit Mindestabstand) in unserer Marktgemeinde beim Heurigen sitzen und zwanzig Frauen als Gäste anwesend sind, haben durchschnittlich vier von ihnen körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Neun haben psychische Gewalt durch einen ehemaligen oder aktuellen Partnern erlebt. Zuhause ist vielfach der Ort, an dem es vermehrt zu Gewaltübergriffen, hauptsächlich gegenüber Frauen, kommt.

Sie werden das den betroffenen Frauen nicht ansehen. Wahrscheinlich werden Sie hören oder lesen, dass die Isolation durch das Social Distancing in der Corona-Krise mitunter schwer zu bewältigen war. Von Zuhause aus arbeiten oder auch plötzliche Arbeitslosigkeit, massive finanzielle Einbußen und Ungewissheit wie es weiter gehen wird, Zukunftsängste, die Kinder versorgen und unterrichten, beengte Verhältnisse, Angehörige versorgen und pflegen,... – es gibt kaum Menschen, deren Leben durch die aktuellen Verhältnisse nicht betroffen sind. Diese Bedingungen können als Brandbeschleuniger wirken: Manche Familien und Paare werden das erste Mal häusliche Gewalt erleiden, bei anderen wird sich die Bereitschaft dazu verstärken und das Zusammenleben noch gefährlicher werden. Genau darüber wird aber nicht so schnell gesprochen.

Es gibt zwei Gründe, warum das Erleben von häuslicher Gewalt oft lange Zeit nicht von Betroffenen angesprochen wird: Angst und Scham.

Angst davor, dass danach alles noch schlimmer wird und man hilflos ausgeliefert ist. Angst, weil man nicht weiß, wohin. Angst, weil die gemeinsamen finanziellen Verbindlichkeiten so hoch sind, dass sie alleine nicht zu stemmen sind und die Existenz gefährden. Angst, dass es zum Streit um die Kinder kommt und man verliert. Angst, nicht glaubwürdig zu sein.

Scham, weil man glaubt, selber schuld zu sein. Scham, weil man unfähig ist, sich zu wehren. Scham, weil man denkt, versagt zu haben. Scham, weil man sich nicht unter Kontrolle hat.  Jeder Frau kann Gewalt widerfahren. Sie betrifft alle Altersstufen, Schichten und Kulturen.

Wenn Sie von Gewalt betroffen sind, ist es wichtig, dass Sie Hilfe suchen! Auch wenn es schwerfällt, das Schweigen zu durchbrechen und viel Mut erfordert, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. So haben Sie die Chance, Sicherheit, Verständnis und Auswege zu finden.

Die Frauenhelpline ist telefonisch rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 0800 222 555 erreichbar. Unter www.frauenhelpline.at finden Sie umfassende Informationen und Hilfsangebote. Ebenfalls anonym und kostenlos ist unter www.haltdergewalt.at eine Onlineberatung für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen täglich von 15.00 bis 22.00 Uhr erreichbar. (Zu Ihrer Sicherheit verfügen beide Seiten über eine „Schnell die Website verlassen“ Fläche, die angeklickt die aktuelle Seite mit einer unverfänglichen ersetzt.) Wenn Sie akut von Gewalt betroffen sind, rufen Sie bitte den Polizeinotruf 133, oder schreiben eine SMS an die Polizei unter 0800 133 133 (auch Notruf für Gehörlose).

Falls Sie als Angehörige oder Vertrauensperson von Gewaltübergriffen auf eine verwandte oder bekannte Person erfahren haben, finden Sie unter www.frauenhelpline.at ebenfalls Informationen und Tipps, welche Schritte Sie mit der betroffenen Person setzen können. Wichtig: Bitte setzen Sie NIEMALS Schritte ohne Wissen und Zustimmung der betroffenen Person!

Was können oder sollen Sie tun, wenn Sie häusliche Gewalt in Ihrem Umfeld oder in Ihrer Nachbarschaft vermuten?

Wenn es in Ihrer Nachbarschaft immer wieder laut ist, womöglich Kinder schreien, Möbel umgeworfen werden und gebrüllt wird, rät Maria Rösselhummer vom Verein der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser dazu, die Gewalt zu unterbrechen indem Sie kurz anläuten und eine ganz banale, unverfängliche Frage stellen: „Können Sie mir bitte Zucker/Milch/Klopapier borgen, das ist mir ausgegangen...“.

Sie signalisieren damit der betroffenen Frau und den Kindern, dass jemand die Auseinandersetzungen mitbekommt. Gleichzeitig macht man damit dem Täter klar, „Wir hören das, was Sie tun!“. Das erfordert viel Mut und auch die Achtsamkeit, sich selber zu schützen und gegebenenfalls zu zweit anzuläuten. Und wenn es dann trotzdem nicht aufhört, kann man das nächste Mal die Polizei rufen und sie bitten, bei der Nachbarwohnung zu läuten, da man den Verdacht hat, da passiert mehr als nur Streit. Viele Menschen können in ihrer Nachbarschaft schwere häusliche Gewalt verhindern, wenn sie rechtzeitig Zivilcourage an den Tag legen und die Polizei in einer akuten Situation einschalten.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der eine oder die andere beim Lesen dieses Artikels bei sich gedacht hat, „Aber es gibt auch Männer, die häusliche Gewalt durch Frauen erleiden! Was ist mit denen?“. Wenn Sie selbst als Mann von Gewalt betroffen sind oder selbst zu Gewalt neigen, wenden Sie sich bitte unter 0720 70 44 00 an das Männertelefon (Montag - Freitag von 10.00 bis 18.00 Uhr, zum Ortstarif aus ganz Österreich), oder an den Männernotruf 0800 246 247, der rund um die Uhr kostenlos erreichbar ist. Nähere Informationen für Männer, die selbst zu Gewalt neigen, finden Sie unter www.maennernotruf.at.

(Manuela Viktorik, Gemeinderätin)

 

Weiterführende Informationen finden Sie unter:

https://www.haltdergewalt.at

http://www.frauenhelpline.at

https://www.aoef.at

https://frauenvolksbegehren.at/forderung-gewalt-verhindern/

https://www.kirchenzeitung.at/site/themen/gesellschaftsoziales/mutige-nachbarn-helfen-gegen-haeusliche-gewalt?fbclid=IwAR1lzws2KyI18cVQwCvj3dLDYzK8qbs4J83_JvygsOfzfA5_U_IuLMsRqIc

https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/gewalt/zahlen.html#oesterreich

https://www.wien.gv.at/menschen/frauen/stichwort/gewalt/zivilcourage/

https://maennernotruf.at

https://taz.de/Corona-und-Anstieg-haeuslicher-Gewalt/!5681591/

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.repraesentative-umfrage-in-deutschland-haeufig-gewalt-gegen-frauen-und-kinder-unter-corona-quarantaene.e17bafb8-e24b-4aa5-be8b-0984922a4801.html

https://drive.google.com/file/d/19Wqpby9nwMNjdgO4_FCqqlfYyLJmBn7y/view